{"id":220,"date":"2006-07-18T16:04:45","date_gmt":"2006-07-18T14:04:45","guid":{"rendered":"http:\/\/57323899.swh.strato-hosting.eu\/15_WP\/?p=220"},"modified":"2026-04-24T11:36:57","modified_gmt":"2026-04-24T09:36:57","slug":"8-6-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/?p=220","title":{"rendered":"WHERE WHEN WHAT WHY, 8.6.2014"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Doris Frohnapfel, in: WHERE WHEN WHAT WHY, Texte von Doris Frohnapfel und Babette Richter, 80 Seiten, Dt.\/ Engl., RpB Verlag, Galerie M29 Richter Br\u00fcckner, K\u00f6ln 2015, ISBN 978-3-9808554-9-5<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWas den Bau nach oben gef\u00fchrt hat, ist der menschliche Wille, was ihm sein jetziges Aussehen gibt, ist die mechanische, nach unten ziehende, zernagende und zertr\u00fcmmernde Naturgewalt\u00ab. Ruinen betrachten wir nicht mehr, wie in der Romantik empfunden, als durch Naturgewalten entstanden. Ruinen haben seit damals ihren \u00e4sthetischen Sinn verloren. Denn Ruinen sind auch die vom Krieg zerst\u00f6rten bekannten monumentalen Geb\u00e4ude, St. Alban in K\u00f6ln, die Ged\u00e4chtniskirche in Berlin, die Frauenkirche in Dresden, der Darul-Aman-Palast in Kabul, die Br\u00fcckenk\u00f6pfe von Remagen, das Holiday Inn in Beirut, und ganze D\u00f6rfer sind auf dem Grund einer Talsperre verschwunden und durch den Abbau von Bodensch\u00e4tzen beseitigt worden. Deren Anschauung ist nicht erhaben, sie ist mindestens verst\u00f6rend. Es sind auch nur Bruchst\u00fccke einer viel gr\u00f6\u00dferen Zertr\u00fcmmerung. Sie hat St\u00e4dte und vor allem Menschen ausgel\u00f6scht. Strategen bereiten ein Tr\u00fcmmerfeld, andere versuchen die entstandene Traumatisierung zu vermitteln. Berechnung, Kalk\u00fcl, Methode, Spekulation versetzen die Bewohner der Geb\u00e4ude in Schock und Panik. Der Anblick eines zerst\u00f6rten, verlassenen Hauses l\u00f6st Erinnerungen aus; diese sind aber nicht romantisch, auch wenn sie auf Vergangenes verweisen, sie sind jetzt nur noch traurig und nicht mehr tragisch. Je kleiner die H\u00e4user, die verlassen werden mussten und verfallen, desto unscheinbarer die Betroffenheit. Der Staub, der bei der Zerst\u00f6rung und dem Verfall von H\u00e4usern und Geb\u00e4uden entsteht, schafft f\u00fcr kurze Zeit eine Staubglocke \u00fcber der Geschichte. Kurz sind darin fotogenische Zeichnungen zu sehen, detailreich, wo sich der Schatten durch Licht vom Staub trennt. F\u00fcr einen Moment stehe ich vor den Ma\u00dfstab nicht sprengenden Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnissen, und einen Augenblick dauert eine Identit\u00e4tsspaltung zwischen der Erinnerung an Keller, Treppen, Fenster, Speicher und der Vertreibung an. Wind und Sonne verdr\u00e4ngen die Empfindlichkeit schnell. Die Fotografie beschleunigt das Vergessen, sie dokumentiert, archiviert, konserviert. Ich gehe weiter, solange es noch hell ist. Nur tags\u00fcber gibt es eine an der Realit\u00e4t gemessene Reflexion. Gleichzeitig \u00fcberblendet der L\u00e4rm auf den Baustellen und das Get\u00f6se auf den Stra\u00dfen das Bewusstsein. Die Fotografie l\u00f6st Effekte f\u00fcr den Wachzustand aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Doris Frohnapfel, in: WHERE WHEN WHAT WHY, Texte von Doris Frohnapfel und Babette Richter, 80 Seiten, Dt.\/ Engl., RpB Verlag, Galerie M29 Richter Br\u00fcckner, K\u00f6ln 2015, ISBN 978-3-9808554-9-5 \u00bbWas den Bau nach oben gef\u00fchrt hat, ist der menschliche Wille, was ihm sein jetziges Aussehen gibt, ist die mechanische, nach unten ziehende, zernagende und zertr\u00fcmmernde Naturgewalt\u00ab. Ruinen betrachten wir nicht mehr, wie in der Romantik empfunden, als durch Naturgewalten entstanden. Ruinen haben seit damals ihren \u00e4sthetischen Sinn verloren. Denn Ruinen sind auch die vom Krieg zerst\u00f6rten bekannten monumentalen Geb\u00e4ude, St. Alban in K\u00f6ln, die Ged\u00e4chtniskirche in Berlin, die Frauenkirche in Dresden, der Darul-Aman-Palast in Kabul, die Br\u00fcckenk\u00f6pfe von Remagen, das Holiday Inn in Beirut, und ganze D\u00f6rfer sind auf dem Grund einer Talsperre verschwunden und durch den Abbau von Bodensch\u00e4tzen beseitigt worden. Deren Anschauung ist nicht erhaben, sie ist mindestens verst\u00f6rend. Es sind auch nur Bruchst\u00fccke einer viel gr\u00f6\u00dferen Zertr\u00fcmmerung. Sie hat St\u00e4dte und vor allem Menschen ausgel\u00f6scht. Strategen bereiten ein Tr\u00fcmmerfeld, andere versuchen die entstandene Traumatisierung zu vermitteln. Berechnung, Kalk\u00fcl, Methode, Spekulation versetzen die Bewohner der Geb\u00e4ude in Schock und Panik. 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