{"id":383,"date":"2006-06-20T19:40:15","date_gmt":"2006-06-20T17:40:15","guid":{"rendered":"http:\/\/57323899.swh.strato-hosting.eu\/15_WP\/?p=383"},"modified":"2026-04-24T11:35:01","modified_gmt":"2026-04-24T09:35:01","slug":"mengen-und-teile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/?p=383","title":{"rendered":"MENGEN UND TEILE"},"content":{"rendered":"<p>[&#8230;] Mit der subtil-anarchischen, aber h\u00f6chst pr\u00e4zisen Dekonstruktion wissenschaftlicher Verfahren hat Doris Frohnapfel ihr halb reales, halb fiktives Grabungsprojekt in der Ausstellung im KERAMION Frechen fortgesetzt und um einige Komponenten weiter ausgebaut. Dabei spielt nicht nur die in Arch\u00e4ologie und Kunstgeschichte am Ende des 19. Jahrhunderts eingef\u00fchrte Methode des \u201evergleichenden Sehens\u201c eine wichtige Rolle, sondern auch die in den Wissenschaften relevante Praxis des Bezeichnens und Messens. In der Ausstellung finden sich sieben Aluminiumtabletts, die auf dem Boden so arrangiert sind, dass sie mit den Ma\u00dfen 59 x 89 Zentimeter jeweils eine Fliese bedecken; in diesen Bodenvitrinen sind die unterschiedlichen Scherben \u00fcbersichtlich, aber in unregelm\u00e4\u00dfiger Verteilung gruppiert. Es handelt sich dabei um eine Auswahl von Scherben aus dem Depot des KERAMION, wo ergrabene Scherben und Fundst\u00fccke aus der regionalen <!--more-->Keramikproduktion gelagert werden. Diese Frechener Scherben aus der Zeit seit dem 16. Jahrhundert bilden in Frohnapfels Installation aber keine eigene Familie, sondern sind mit Scherben vereint, die von drei anderen Orten stammen: vom Monte Testaccio in Rom, vom Fockeberg in Leipzig, und die dritte Provenienz ist laut Frohnapfel ein nach 1945 aus Kriegsschutt aufgeh\u00e4ufter Tr\u00fcmmerberg in einer Parkanlage in Mailand, der den Namen Monte Stella tr\u00e4gt. Ber\u00fchrt die Herkunft der Fundst\u00fccke den zivilisatorischen Prozess der Schichtenbildung und den buchst\u00e4blichen Sinn des Wortes Geschichte, suggeriert Frohnapfel mit dem Nebeneinander der Scherben systematische Vergleichbarkeit. Diese l\u00e4uft allerdings absichtsvoll ins Leere, denn Hinweise auf weitere an den Scherben abzulesende kulturelle und historische Zeichen fehlen. Das \u201evergleichende Sehen\u201c sch\u00e4rft hier vor allem anderen die Wahrnehmung der konkreten Form. Aus ihrer urspr\u00fcnglich funktionalen Gestalt heraus gebrochen, entfalten die Scherben ein Eigenleben; sie artikulieren ein Spektrum von abstrakten Formen, die, und das macht sie besonders interessant, als Resultate des blo\u00dfen Zufalls anzusehen sind.<\/p>\n<p>Aus einer anderen Perspektive betrachtet, f\u00e4llt dieses Spektrum der autonomen Formen aber schnell wieder in sich zusammen, was die beiden anderen Ausstellungsbeitr\u00e4ge belegen. Da ist zun\u00e4chst die Serie mit den 18 gerahmten Schwarz\/Wei\u00df-Fotografien, die in einer Reihe an einer eigens in den Raum eingezogenen Wand installiert sind. Die analog aufgenommenen, auf kostbarem Barytpapier abgezogenen Fotografien zeigen in einer Mischung aus nostalgischer Dokumentationsfotografie und serieller Konzeptkunst einzelne h\u00f6lzerne Archivkisten aus dem Frechener Depot, in denen die Scherben aufgeh\u00e4uft sind. Dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, wird schlie\u00dflich im dritten Teil der Ausstellung von Doris Frohnapfel deutlich. In starkem Kontrast zum wissenschaftlichen Gestus der n\u00fcchternen Schwarz\/Wei\u00df-Aufnahmen sind die Frechener Scherben nun zu einer plakativen Farbtafel komponiert. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck wurden die einzelnen Scherben digital fotografiert, im Rechner bearbeitet, als farbige Inkjetprints in Gruppen von je 40 Abbildungen ausgegeben und auf sieben Tafeln aufkaschiert. Mit den fl\u00e4chendeckend und Wand f\u00fcllend montierten Prints hat Doris Frohnapfel das Spiel mit der Wahrnehmung abstrakter Formen noch eine Stufe weiter getrieben. Als fl\u00e4chige K\u00fcrzel sind die Scherben ihrer keramischen Materialit\u00e4t und ihrer K\u00f6rperhaftigkeit vollst\u00e4ndig entledigt. Die Grenze zwischen Abstraktion und Information ist flie\u00dfend. Im modularen Wechsel von Form und Farbe in 280 unterschiedlichen Konstellationen ist das einzelne Motiv in einen quasi ornamentalen Rapport eingebettet und doch in seiner Einzigartigkeit erkennbar. Die schiere Menge und die effektvollen Farbkontraste laden den Blick zum Schweifen, Vergleichen und Schwelgen ein. Man meint, hier ein Lehrbuch vor sich zu haben, das zum reinen, puren Sehen von Farbe und Form verf\u00fchrt, und das einem gleichzeitig beibringt, dass das reine, pure Sehen von Farbe und Form nichts anderes ist als eine Fiktion, da man sich im lichterf\u00fcllten Ausstellungsraum einer Plakatwand gegen\u00fcbersieht, auf der eine Auswahl der historischen Frechener Scherben in stilisierter Form und suggestiver Farbigkeit in die Gegenwart strahlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[&#8230;] Mit der subtil-anarchischen, aber h\u00f6chst pr\u00e4zisen Dekonstruktion wissenschaftlicher Verfahren hat Doris Frohnapfel ihr halb reales, halb fiktives Grabungsprojekt in der Ausstellung im KERAMION Frechen fortgesetzt und um einige Komponenten weiter ausgebaut. Dabei spielt nicht nur die in Arch\u00e4ologie und Kunstgeschichte am Ende des 19. Jahrhunderts eingef\u00fchrte Methode des \u201evergleichenden Sehens\u201c eine wichtige Rolle, sondern auch die in den Wissenschaften relevante Praxis des Bezeichnens und Messens. In der Ausstellung finden sich sieben Aluminiumtabletts, die auf dem Boden so arrangiert sind, dass sie mit den Ma\u00dfen 59 x 89 Zentimeter jeweils eine Fliese bedecken; in diesen Bodenvitrinen sind die unterschiedlichen Scherben \u00fcbersichtlich, aber in unregelm\u00e4\u00dfiger Verteilung gruppiert. 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