{"id":424,"date":"2006-05-22T18:01:40","date_gmt":"2006-05-22T16:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/57323899.swh.strato-hosting.eu\/15_WP\/?p=424"},"modified":"2026-04-22T06:41:34","modified_gmt":"2026-04-22T04:41:34","slug":"projects-and-footnotes-skeptische-rekonstruktionen-2006","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/?p=424","title":{"rendered":"Projects and Footnotes, Skeptische Rekonstruktionen, 2006"},"content":{"rendered":"<p>Das Frontispiz der vorliegenden R\u00fcckschau auf das Werk von Doris Frohnapfel ab 1996 ist eine Aufnahme vom Entree der Villa Wittgenstein in Wien, die der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein 1925\/26 f\u00fcr seine Schwester entworfen hat: Die Decke ziert eine Lampe in Form einer einfachen Gl\u00fchbirne. Ohne weiteren Zierrat, der von ihrer Aufgabe ablenken k\u00f6nnte, ist diese schlichte Birne Quelle des Lichts und damit im metaphorischen Sinn auch der Erkenntnis, reduziert auf das Wesentliche, von derselben Klarheit im Dienst ihrer Funktion, wie sie Wittgenstein der Logik der Sprache in seinem \u201eTractatus logico-philosophicus\u201c nachzuweisen suchte: die vollkommene Identit\u00e4t von Bild und Begriff. Nach demselben Prinzip betitelt Frohnapfel die retrospektive <!--more-->Dokumentation:\u201eProjekte und Fu\u00dfnoten\u201c, und erfasst damit sowohl den Inhalt als auch das analog gestaltete Layout der Publikation. Oben auf deren Seiten finden sich Beispiele aus der jeweiligen Werkserie, darunter Abbildungen der damit zusammenh\u00e4ngenden Ver\u00f6ffentlichungen, Installationsansichten, Ausstellungsfotos und Erl\u00e4uterungen. Das Bild in seiner vermeintlich eigenst\u00e4ndigen Aussagekraft wird erg\u00e4nzt \u2013 oder relativiert durch die Marginalien: das Mitgewusste, bzw. \u201eMitzuwissende\u201c, das Assoziierte, die Konnotationen. Einerseits nimmt die K\u00fcnstlerin hier \u00fcberlieferte Darstellungsformen auf, wie die Grotesken in der Wandmalerei der Renaissance oder die Randerz\u00e4hlungen von Heiligenlegenden auf einer mittelalterlichen Retabel. Andererseits betreibt sie ein formales Spiel mit dem \u201eObjektivit\u00e4tscharakter\u201c ihrer Fotoarbeiten, im Geiste der franz\u00f6sischen \u201c\u201cSpurensicherung\u201c der 70erJahre, das nebenbei den Wahrheitsgehalt solcher vor allem aus wissenschaftlichen Kontexten gel\u00e4ufigen Darstellungsweisen subtil hinterfragt. Eine museale Pr\u00e4sentation, als w\u00e4re das, was wir da gezeigt bekommen, schon eine Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>\u201eMatter of fact\u201c \u2013 \u201eTatsachen\u201c \u2013 ist der entsprechend fragw\u00fcrdige und doppeldeutige Titel einer Fotoserie von 1995, die diverse Orte wiedergibt, an denen Menschen unter tragischen Umst\u00e4nden zu Tode gekommen sind, selbst gew\u00e4hlt oder fremd verschuldet. Doch was sagen diese Aufnahmen aus, wie viel erz\u00e4hlen sie von dem dramatischen Ereignis, das sich hier zugetragen hat? Und generell: Welchen Wahrheitsgehalt besitzen Bilder? \u201eEin Bild sagt mehr als tausend Worte\u201c und mehr noch als ein Gem\u00e4lde gilt ein Foto als unbestechliches Zeugnis des Moments. Doch sein objektiver Informationsgehalt ist tr\u00fcgerisch: Es ist immer Interpretation eines \u201eSoseins\u201c, manipuliert durch den Fotografen wie den individuellen Betrachter. In Analogie zu dieser Fragw\u00fcrdigkeit des bildnerischen Objektivit\u00e4tsanspruchs verwirft Wittgenstein in seinem Sp\u00e4twerk, den \u201ePhilosophischen Untersuchungen\u201c, das Ideal der Exaktheit der Sprache: Worte sind mehrdeutig und vage, die Bedeutung eines Wortes l\u00e4sst sich nicht durch Logik herausfinden, sondern nur dadurch, das man erkennt, in welchem Sinn es im allt\u00e4glichen \u201eSprachspiel\u201c verwendet wird. Fotos von noch so dokumentarischem Anmutung geben keine Antworten, sie sind eher Fragen als Aussagen. Wir sind bei ihrem Anblick doch immer wieder auf uns selbst zur\u00fcck geworfen und so wie die K\u00fcnstlerin selbst sich durch ihren subjektiven Zugriff mittels des \u201eObjektives\u201c dem Begreifen ann\u00e4hert, sind wir angesichts der Bilder zur Er-Innerung, zum Ge-Denken animiert. In Betrachtung der Schaupl\u00e4tze des Todes spult sich unsere Vorstellung vom Leben der jeweiligen Person quasi im \u201eRewind\u201c ab. Die Retrospektive vollzieht sich fast zwangsl\u00e4ufig, so wie wir im Moment, wenn das Unfassbare so \u201eklack klack\u201c geschehen ist \u2013 der Unfall, der Zufall \u2013 dazu tendieren, r\u00fcckblickend die Abl\u00e4ufe zu rekonstruieren, sie in Gedanken zu manipulieren, im Wunsch, das Geschehene ungeschehen zu machen, in der verzweifelten Allmachtsphantasie: alles h\u00e4tte ganz anders kommen k\u00f6nnen, wenn ich (nicht)\u2026<\/p>\n<p>Orte sind Speicher der Geschichte und Geschichte ist die Summe aller Geschichten: Die \u00e4lteren Fotografien Frohnapfels sind alle schwarzwei\u00df, was ihren Dokumentcharakter verst\u00e4rkt. Und so stellen wir uns die Vergangenheit vor, vermittelt durch die Filme und Alben unserer Eltern: Diese schwarzwei\u00dfen Zeiten scheinen entr\u00fcckter als die pr\u00e4senten, bunten; wir k\u00f6nnen sie vermeintlich besser beur-teilen, in ihre guten und schlechten Komponenten separieren, als die vielfarbige Gegenwart in ihrer Komplexit\u00e4t. In den j\u00fcngeren Farbfotografien von Doris Frohnapfel r\u00fcckt das Geschehen n\u00e4her, das individuelle Schicksal hat trotzdem auch hier immer etwas Exemplarisches, gemeint ist nicht der Einzelne. Die Aufnahmen der K\u00fcnstlerin sind auf der Grenze von Dokumentation eines realen Ortes oder existierender Personen und einer fotografischen Abstraktion angesiedelt, doch steht die \u00c4sthetisierung des Vorgefundenen im Hintergrund. Ob in Fotografien, plastischen Arbeiten oder Videofilmen: Doris Frohnapfel versucht eine Rekonstruktion der Vergangenheit, sp\u00fcrt Sedimente der Geschichte auf, betreibt eine Arch\u00e4ologie der Gesellschaft und beschreibt die andere Seite der Dinge, ohne sie explizit zu zeigen. W\u00e4hrend ihres Aufenthaltes in Norwegen zwischen 1998 und 2005 fotografiert sie Herdla, einen alten Naziflughafen in der N\u00e4he von Bergen, und Skjolden, wo sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Wittgenstein jene H\u00fctte in unwegsamem Gel\u00e4nde mit Blick auf den Sjognefjord bauen lie\u00df, in der er mittels der Logik seine Zweifel zu bek\u00e4mpfen suchte und die die K\u00fcnstlerin aus den Fundamenten rekonstruiert. Sie durchstreift die \u201eCites Banlieues\u201c in Br\u00fcssel, \u201eLa Cit\u00e9 moderne\u201c von 1922 und \u201eLa Cit\u00e9 mod\u00e8le\u201c von 1958, gebaute Stadtutopien und Spiegel der zeitgen\u00f6ssischen Gesellschaftsentw\u00fcrfe mit grunds\u00e4tzlich \u00e4hnlichen Ziele, die vollkommen kontr\u00e4re Unsetzungen zeitigten. Die Idylle des geordneten Alltags in der spanischen Enklave \u201eSeptem Seuta\u201c, im Nordwesten Afrikas, tr\u00fcgt vor dem Hintergrund, dass diese Region j\u00fcngst f\u00fcr traurige Schlagzeilen gesorgt hat, als Fl\u00fcchtlinge den Grenzzaun zu Marokko \u00fcberwanden. Produktreste aus dem historischen Musterlager einer abgerissenen belgischen Porzellanmanufaktur werden in didaktischer Manier pr\u00e4sentiert wie arch\u00e4ologische Fundst\u00fccke. In dieser k\u00fcnstlerischen Haltung offenbart sich ein typisch europ\u00e4isches Geschichtsbewusstsein, gepr\u00e4gt vom Wissen um die Eingebundenheit in eine Entwicklung. Doris Frohnapfel schafft energetische R\u00e4ume aus Text, Fotografie und Plastik, Repr\u00e4sentationen einer dynamischen Geschichte, offen f\u00fcr das kontinuierliche Werden der Gegenwart. Nicht nur, was gewesen ist, manifestiert sich in den Dingen und ist rekonstruierbar, auch jede zuk\u00fcnftige Beschaffenheit und Verfassung ist stets virtuell enthalten. Frohnapfels Werk sch\u00e4rft das skeptische Bewusstsein daf\u00fcr, wie viele vergangene Zust\u00e4nde in einer augenblicklichen Erscheinung vorhanden und eventuell noch weiterhin wirksam sind. Was ist prima vista lesbar, was sollte gr\u00fcndlicher hinterfragt werden? Der Zusammenhang von Erinnerungsf\u00e4higkeit und Vorstellungsverm\u00f6gen ist gesellschaftlich immer wieder relevant: Die Verdr\u00e4ngung, die Verweigerung, zu erinnern, behindert auch unsere F\u00e4higkeit zur Imagination und zu positiven Visionen. Alle diese Themen behandelt Frohnapfel mit gro\u00dfer formaler Zur\u00fcckhaltung. In erster Linie f\u00fchrt sie eine semantische Untersuchung fort, die in der Tradition des \u201elinguistic turn\u201c in der Kunst von Ren\u00e9 Magritte, Marcel Broothaers oder Joseph Kosuth steht: Wo verl\u00e4uft die Grenze zwischen Wort und Bild, was beschreibt ein Bild? Der Tractatus logico-philosophus jedenfalls endet mit der Empfehlung: \u201eWovon man nicht sprechen kann, soll man schweigen.\u201c \u2013 Doris Frohnapfel macht ein Foto davon, das etwas aussagt, wor\u00fcber unbedingt zu reden ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Frontispiz der vorliegenden R\u00fcckschau auf das Werk von Doris Frohnapfel ab 1996 ist eine Aufnahme vom Entree der Villa Wittgenstein in Wien, die der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein 1925\/26 f\u00fcr seine Schwester entworfen hat: Die Decke ziert eine Lampe in Form einer einfachen Gl\u00fchbirne. Ohne weiteren Zierrat, der von ihrer Aufgabe ablenken k\u00f6nnte, ist diese schlichte Birne Quelle des Lichts und damit im metaphorischen Sinn auch der Erkenntnis, reduziert auf das Wesentliche, von derselben Klarheit im Dienst ihrer Funktion, wie sie Wittgenstein der Logik der Sprache in seinem \u201eTractatus logico-philosophicus\u201c nachzuweisen suchte: die vollkommene Identit\u00e4t von Bild und Begriff. Nach demselben Prinzip betitelt Frohnapfel die retrospektive Weiterlesen &#8230; <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/?p=424\">more ><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-424","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texts"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/424","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=424"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/424\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":995,"href":"https:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/424\/revisions\/995"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=424"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=424"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=424"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}