{"id":834,"date":"2006-07-23T23:27:19","date_gmt":"2006-07-23T21:27:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/?p=834"},"modified":"2026-04-24T11:37:43","modified_gmt":"2026-04-24T09:37:43","slug":"rueckweg-und-pause-galerie-b2_-3-7-31-7-2021-leipzig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dorisfrohnapfel.de\/?p=834","title":{"rendered":"R\u00fcckweg und Pause, Galerie b2_ 3.7.-31.7.2021, Leipzig"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Vielleicht haben Sie Zeit und Lust, sich mit meinen Gedanken zu den Arbeiten zu befassen, die ich in der Ausstellung R\u00fcckweg und Pause in der Leipziger Galerie b2_ zeige. In einem kurzen Rundgang m\u00f6chte ich meine \u00dcberlegungen hier skizzieren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die <em>K\u00fcnstlerb\u00fccher und Publikationen<\/em> am Eingang begleiten seit 1994 meine Theorie und Praxis. Sie werden zusammen mit zwei Neuerscheinungen, <em>Photogenic-, Work- and B-Sites<\/em> und <em>Autobiografisch 1\/2<\/em> (beide 2021) \u2013 Aufarbeitungen zur\u00fcckliegender Projekte in Beirut, K\u00f6ln, Berlin, Neapel und Rom \u2013 in einem selbstentworfenen Regal zur Ansicht und Lekt\u00fcre pr\u00e4sentiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Betreten des b2_-Raums f\u00e4llt der Blick geradeaus auf die Wand mit einem bodenlangen wei\u00dfen Gardinenstoff, der auf ganzer Breite durch aufgen\u00e4hte Schn\u00fcre strukturiert ist und auf dem ein kleiner Monitor ein Video abspielt. Diese Arbeit, <em>R\u00fcckweg und Pause<\/em>, die der Ausstellung den Titel gibt, entstand w\u00e4hrend der Pandemie unter dem Arbeitstitel <em>Endloser<\/em> <em>Faden<\/em> in Heim-\/Handarbeit. Das Video zeigt ein Splitscreen-Format aus Fullscreen mit zwei rechts und links montierten kleineren Screens. Darin wird in Parallelmontage die Zerlegung von sechs verschiedenen Elektronikschn\u00fcren \u2013 Hilfsmitteln der medialen Arbeit und globalen Kommunikation \u2013 gezeigt. Die Metall- und Plastikf\u00e4den des Kabelkerns werden manuell aus ihrer Ummantelung gel\u00f6st. Dies ist \u00fcberraschenderweise spannend \u2013 wer kennt schon das Innenleben von Antennen-, Firewire- oder Glasfaserkabeln? \u2013 und irritiert zugleich als Sisyphosarbeit. So bezeichnet der Titel <em>R\u00fcckweg und Pause <\/em>die Situation, wenn Sisyphos den Berg wieder hinuntergehen muss \u2013 f\u00fcr Albert Camus die Stunde des Aufatmens und des Bewusstseins inmitten einer endlosen Qual. Dieser Grenzbereich zwischen Knechtschaft und Befreiung fungiert als narrative Folie der gesamten Ausstellung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die demontierten Kabel dienen als Material, mit dem ich auf dem Vorhangstoff die Weltkarte der Unterseekabel veranschauliche. Die Kabel wurden per Hand aufgen\u00e4ht und entlang der Routen fixiert. Die Karte zeigt Dinge, die objektiv bekannt sind und hier subjektiv formuliert werden. Das Video l\u00e4uft auf einem alten Monitor, den ich auf ein noch \u00e4lteres Schreiner-Werkst\u00fcck montiert habe, das ehemals als Klappe des Radio- und Plattenspielerfaches im Wohnzimmerschrank meiner Eltern diente.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Notwendigkeit von Recycling ist allgemein bekannt. Die Arbeit verweist auf den Kontrast zwischen einer vermeintlich unsichtbaren Super-IKT-Infrastruktur aus Metaplattformen, Rechenzentren und Unterseekabeln (es gibt derzeit ca. 426 Unterseekabel mit einer Gesamtl\u00e4nge von ca. 1,3 Millionen Kilometern) und der Zero-Waste-Philosophie kapitalistischer Gesellschaften. Die Arbeit besteht zu 100% aus recycelten Materialien und kann daher als klimaneutral gelten. Die Lieferkette des Gardinenstoffs \u2013 der Rest eines Vorhangs, den ich f\u00fcr meine Arbeit <em>Human Capital Market<\/em> 2010 in einer r\u00f6mischen Gardinenmanufaktur kaufte \u2013 und die (Arbeits-)Bedingungen, unter denen der Stoff in Italien oder China produziert wurde, sind nicht bekannt, ebenso wenig wie die Lieferketten der obsoleten Kabel. Einige der \u00e4lteren sind noch Made in Germany, die neueren Made in China oder ohne Angabe. Das Recycling solcher Materialien wird von uns entweder in Niedriglohnl\u00e4nder ohne Umweltstandards verlegt, oder sie werden staatlich subventioniert in aufw\u00e4ndigen Verfahren nur teilweise f\u00fcr die Rohstoffkreisl\u00e4ufe gesichert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Workflow der Demontage, die die Material- und Strukturvielfalt der Kabel und Schn\u00fcre freilegte, entdeckte ich, dass eine zus\u00e4tzliche Verwertung den Aspekt der Immaterialit\u00e4t erfassen konnte, den die Ausstellung thematisiert. Dazu habe ich mit einer Lichtquelle einen Schatten der von mir zerlegten Gegenst\u00e4nde auf lichtempfindlichem (Foto-)Papier erzeugt. F\u00fcr Moholy-Nagy ist das Fotogramm aus dem analogen Fotolabor ein Blick ins Universum \u2013 hier das Universum der Unterseekabel und der digitalen Vernetzung. Auf die Beschleunigung digitaler Datenstr\u00f6me antwortet das Unikat des Fotogramms mit Entschleunigung und Einmaligkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch in der Installation <em>Und warum? Oder warum nicht?<\/em> verschr\u00e4nken sich reale Dinge, gefundene Fotografien und Filme \u2013 aus dem Nahen Osten und aus meinem Lebensumfeld \u2013 als Versatzst\u00fccke, die von allt\u00e4glichen Handlungen, Erinnerungen und Pl\u00e4nen erz\u00e4hlen. Assoziativ umrei\u00dfen sie Gegens\u00e4tze wie sozialen Zusammenhalt und Destruktion, Krieg und Frieden, Spiel und Ernst. Alle Dinge k\u00f6nnten von gesicherten Lebensumst\u00e4nden, aber auch von deren Verlust zeugen. Das Zusammenwirken einer Filmsequenz, in der Kinder (meine Geschwister und ich Anfang der 1960er Jahre) in einer scheinbar beh\u00fcteten Umgebung spielen, und einer Found-Footage-Fotografie aus einem m\u00f6glicherweise milit\u00e4rischen Kontext, die am Boden lagernde und ihren Proviant verzehrende M\u00e4nner zeigt, wirft Fragen auf: nach der Zerbrechlichkeit der Conditio humana, die von Frieden, Wohlstand, Sicherheit abh\u00e4ngt, und nach den jederzeit m\u00f6glichen Ersch\u00fctterungen dieser Koordinaten der Existenz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Kabinettraum der Galerie f\u00fchrt schlie\u00dflich die Fotoserie <em>Ohne Titel (autobiografisch)<\/em> 47 dokumentarische Schwarzwei\u00dfaufnahmen aus meinem Lebensumfeld der 1970er und 1980er Jahre zusammen, darunter auch Fotos von Friedensdemonstrationen gegen den Nato-Doppelbeschluss und die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Westeuropa. Diese Szenerien schlagen einen Bogen zur Gegenwart, zu den Demonstrationen von Fridays for Future und im Hambacher Wald als Wiedererwachen des politischen Aktivismus. Aus meinen Fotos dieser Demonstrationen entsteht, zusammen mit Aufnahmen meiner damaligen Umwelt, eine pers\u00f6nliche Collage, deren Wirkung \u00fcber das rein Subjektive hinausweisen soll. Die Arbeiten der Ausstellung navigieren in verschiedenen r\u00e4umlichen und zeitlichen Situationen, die vermeintlich so gegens\u00e4tzlich sind wie mein pers\u00f6nliches Umfeld und die globalisierte \u00d6konomie der \u201eNeuen Kriege\u201c, wie Recycling oder Hand-\/Heimarbeit und globale mediale R\u00e4ume und Netzwerke. Als eine Art transhistorischer Collage vermittelt <em>R\u00fcckweg und Pause <\/em>die Erfahrung, dass Recycling nicht nur eine Wiederverwertung von Rohstoffen, sondern zugleich eine Form von Spurensuche und Spurensicherung ist. (Text: Doris Frohnapfel)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht haben Sie Zeit und Lust, sich mit meinen Gedanken zu den Arbeiten zu befassen, die ich in der Ausstellung R\u00fcckweg und Pause in der Leipziger Galerie b2_ zeige. In einem kurzen Rundgang m\u00f6chte ich meine \u00dcberlegungen hier skizzieren. Die K\u00fcnstlerb\u00fccher und Publikationen am Eingang begleiten seit 1994 meine Theorie und Praxis. Sie werden zusammen mit zwei Neuerscheinungen, Photogenic-, Work- and B-Sites und Autobiografisch 1\/2 (beide 2021) \u2013 Aufarbeitungen zur\u00fcckliegender Projekte in Beirut, K\u00f6ln, Berlin, Neapel und Rom \u2013 in einem selbstentworfenen Regal zur Ansicht und Lekt\u00fcre pr\u00e4sentiert. Beim Betreten des b2_-Raums f\u00e4llt der Blick geradeaus auf die Wand mit einem bodenlangen wei\u00dfen Gardinenstoff, der auf ganzer Breite durch aufgen\u00e4hte Schn\u00fcre strukturiert ist und auf dem ein kleiner Monitor ein Video abspielt. 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